Auszug aus dem Buch

Raum Graubünden

Dokumentation Raumplanung und Raumentwicklung

von Erwin Bundi


Buch Erwin Bundi
Raum Graubünden
Dokumentation Raumplanung und Raumentwicklung

536 Seiten, gebunden
ISBN-Nr.: 978-3-905688-07-8
Preis: CHF 76.00 / EUR 48.60 (D)
Erschienen: Mitte Juni 2007

Südostschweiz Buchverlag Chur/Glarus/Zürich 2007



3.4.6 Die Ortsplanung der Gemeinde Fürstenau

3.4.6.1 Siedlungsentwicklung

3.4.6.1.1 Einführung

Die Stadtgemeinde Fürstenau liegt im Talboden am rechten Ufer des Hinterrheins mitten im lieblichen Domleschg und umfasst zwei Siedlungsgruppen: das Burgstädtchen Fürstenau und das Strassendorf Fürstenau(Zoll)bruck. das geschichtsträchtige Burgstädtchen war zeitweise Residenz der Churer Bischöfe und beherbergte im 13. Jahrhundert die bischöfliche Meierei mit Wehranlage, eigenem Markt und Gericht und kam dadurch später zum Stadtrecht. Fürstenau wurde zum Handels- und Marktort und zum Zentrum der fürstlichen Besitzungen im oberen Domleschg. Die zentral gelegne ehemalige Zollbrücke verband das Domleschg über den Rhein mit dem heinzenberg, wo die Bischöfe Brücken- und Wegzölle verlangten. Mit dem Stadtbrand von 1742, dem Bau der Viamalastrasse - und später auch der neuen Schynstrasse - über Thusis ging die Bedeutung von Fürstenau mehr und mehr zurück. Kirchlich war Fürstenau in die Gemeinden Almens, Scharans und Sils aufgeteilt, wo hingegen diese Gemeinden zur Gerichtsgemeinde Fürstenau gehörten. Im Jahr 1709 erwarb die Gerichtsgemeinde Fürstenau vom Bischof die letzten Herrschaftsrechte.

3.4.6.1.2 Das alte Fürstenau

Das alte Städtchen Fürstenau liegt auf einem in den Rhein hineinragenden Felssporn. Die Umrisse der Stadtanlage auf dem Plateau und des von Osten nach Westen verlaufende Berings folgen aus damaligen Verteidigungsgründen dem Gelände. Im Verlaufe des 14. Jahrhunderts erhielt die Grossburg durch eine dichtere Besiedlung der Vorburg einen städtischen Charakter bescheidenen Ausmasses. Damalige Aufteilung: Stadtmauer und geschlossene Bauweise, zwei parallele Gassen mit dem oberen und unteren Tor sowie eine bewehrte innere Burg. Ausserhalb des Berings, im Anschluss an die Kirche und den Marktplatz, wuchs später ein kleines Quartier heran. Die Kirche von Fürstenau wurde nach der Reformation um 1530 neu gebaut (Umbau mit Turmbau 1715; renoviert 1925 durch die Architekten Schäfer und Risch). Zu den bedeutenden Baudenkmälern von Fürstenau gehören das untere bischöfliche Schloss (1272; Neubau 1711; Brand 1742 und Wiederaufbau) und das obere, ehemals Schauensteinsche Schloss (13. Jahrhundert; Neubau 1676; Brand 1742 und teilweiser Wiederaufbau; renoviert 1912 durch die Architekten Schäfer und Risch). Weitere bedeutende Bauten aus dem 14. Jahrhundert sind: das Stoffelhaus (Vorburg, heute Kreisamt), das Meierhaus, das Pfarrhaus und die alte Post. Das obere Schloss (bischöfliches Schlos) beherbergte 1840 eine Arbeitsanstalt, aus der die kantonale Anstalt Realta hervorging. 1855 wurde darin ein Kosthaus für minderjährige Arbeiter der Wolldeckenfabrik Albula in Sils eingerichtet. Von 1878 bis 1896 wurde das bischöfliche Schloss als erstes Landkrankenhaus in Graubünden genutzt.

3.4.6.1.3 Die neuere Siedlungsentwicklung

Dadurch, dass Fürstenau seine Stellung schon früh an Thusis verlor, blieb eine stärkere Siedlungsentwicklung in den letzten Jahrhunderten weitgehend aus. Erst ab der späten zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzte in Fürstenauund Fürstenaubruck eine mässige Bautätigkeit ein. Gleichzeitig stieg die Bevölkerungszahl von 1991 bis 2004 von 198 auf über 320 Einwohnerinnen und Einwohner.

Wirtschaftliche und bauliche Entwicklung

Um die Dorfschule zu erhalten, hat die Bürgergermeide Fürstenau in den Lösern von Fürstenaubruck Bauland für Familien mit Kindern ausgeschrieben. In der Zeit von 1979 bis 1982 wurden acht Einfamilienhäuser erstellt. Ohne die Neubauten im Quartierplanperimeter Prada entstanden auf dem übrigen Gemeindegebiet sieben Einfamilienhäuser und ein Mehrfamilienhaus. Während der gleichen Zeit wurden sieben Mehrfamilienhäuser und elf Einfamilienhäuser erneuert oder umgebaut. Im Zusammenhang mit neuen Bauvorschriften haben drei Landwirte neue Ställe für ihr Vieh erstellt. Die Stiftung Heinrich Schwendner, Sils i. D., hat das Schloss Schauenstein von der Ems Chemie gekauft. Während mehreren Jahren beherbergte das Schloss eine private Tagesschule. Mangels Schüler musste sie jedoch geschlossen werden. Seit November 2003 wird das Schloss als Hotelbetrieb mit verschiedenen Suiten der gehobenen Klasse geführt.

An der Landsgemeinde vom 2. Mai 1983 wurde beschlossen, eine öffentliche Stiftung für den Betrieb eines Alters- und Pflegeheimes im Domleschg zu gründen. Zwölf Gewerbetreibende jeglicher Art haben in Fürstenau und Fürstenaubruck kleiner Betriebe eröffnet. 2003 hatte es in der Gemeinde 124 Arbeitsplätze, wovon 92 auf den Dienstleistungssektor entfielen.

Ausbau der Infrastruktur

Die Stadt Fürstenau verfügt nur über ein sehr kleines Strassennetz, das in der Hautsache aus der Kantonsstrasse besteht. Der Rest sind Quartierstrassen. Saniert wurden 2002 die Schlossgasse und die Obere Gasse im Stadtkern von Fürstenau und 205 die Strasse zwischen dem Altersheim und der Kantonsstrasse mit den dazugehörenden Infrastrukturen. 2003 konnte im Städtchen Fürstenau eine flächendeckende Tempo-30-Zone eingeführt werden.

Der Dorfladen in Fürstenaubruck musste mangels Rendite geschlossen werden. Die Post hat die beiden Poststellen Fürstenau und Fürstenaubruck ebenfalls geschlossen. Heute wird die Gemeinde von Sils i. D. aus versorgt. Eine erfreuliche Entwicklung kann Fürstenau im Bereich der Gastronomie und eines Hotelbetriebs verzeichnen. Johann Martin von Planta hat einen Teil seines Bodens mit der Auflage verschenkt, dass darauf oder aus dem Erlös ein Alters- und Pflegeheim zu bauen sei. Es wurde die Stiftung Alters- und Pflegeheim Domleschg gegründet. An dieser beteiligen sich alle Domleschger Gemeinden. Mit dem Erlös aus dem Bodenverkauf konnte 1990 die Baubewilligung für ein Heim in Fürstenaubruck erteilt werden. Es wurden 30 Alters- und 15 Pflegeplätze geschaffen. Heute ist das Verhältnis zwischen Alters- und Pflegeplätzen umgekehrt.

Den restlichen Boden und das Stofelhaus in Fürstenau hat Johann Martin von Planta der Stiftung Talmuseum Domleschg mit der Auflage vermacht, im Stoffelhaus ein Talmuseum einzurichten. Mit den Sanierungs- und Umbauarbeiten wurde 1997 begonnen, doch sind diese bis heute noch nicht abgeschlossen. Um die Hypothekarzinsen zu zahlen, mussten Büroräumlichkeiten vermietet werden. Heute sind in dem Haus das Kreisamt, das Zivilstandesamt, die Steuerallianz Domleschg und ein Architekturbüro eingemietet. Im Nebenbau (Remise) wurde eine kleiner Gaststätte eingerichtet, die für festliche Anlässe gemietet werden kann.

Quellennachweis: Kunstdenkmäler des Kantons Graubünden, Band 3, Erwin Poeschel 1940; Inventar der schützenwerten Ortsbilder der Schweiz ISOS; Fürstenau, Stadt im Kleinstformat, Markus Rischgasser, GSK Bern 2001.

3.4.6.2 Raumplanung

3.4.6.2.1 Ortsplanung (Nutzungsplanung)

Vorlage 1964/68

Erstmalige Ortsplanung mit Baugesetz 1964 und Baugesetz mit Zonenplan 1968 (RB 1742/64 und 1610/68).

Vorlage 1976

Teilrevision Baugesetz mit Zonen- und Strassenplan (RB 487/76; 2612/77; 1408/79), Regelung der Dorfkernzone, Zone für öffentliche Bauten und Anlagen.

Vorlage 1985

Teilrevision Baugesetz und Zonenplan (RB.1197/82, 3006/85, 1824/85), Bauzonenerweiterung und -verlegung, Schutzzonen, Strassenplan.

Vorlage 1992/2000

Teilrevision Baugesetz, Zonenplan, (RB 1496/92, 1962/99), Waldfeststellungsverfahren, Zone für öffentliche Bauten und Anlagen, Schutz- und Erhaltungsbereiche u. a.

3.4.6.2.2 Quartierplanung

1985 wurde für das Quartier Prada in Fürstenau ein Quartierplan erstellt. Dieser war nötig geworden, nachdem der Boden der Stiftung Talmuseum Domleschg an eine private Baugesellschaft verkauft worden war und die Stadt befürchtete, dass die ganze Fläche auf einmal überbaut werde. Bis heute wurden zwei Mehrfamilienhäuser, ein Einfamilienhaus sowie mehrere Reihen- und Doppeleinfamilienhäuser erstellt.

3.4.6.2.3 Grundlagen und Projekte

3.4.6.2.4 Überörtliche Planung

Der Regionale Richtplan Heinzenberg-Domleschg befasst sich unter anderem mit der Erhaltung der Kulturlandschaft in der Talsohle des Domleschgs. Die Kleinstadt Fürstenau beteiligt sich an regionalen Infrastruktureinrichtungen (Spital, Altersheim, Musikschule u.a.) und profitiert vom nahegelegenen Regionszentrum Thusis.

Quellennachweis: Informationen Gemeinde und Reto Knuchel, Geimeindepräsident;
Dokumentation E. Bundi.

3.4.6.3 Ausblick von Gemeindepräsident Reto Knuchel

Wie gestaltet sich heute die überkommunale und regionale Zusammenarbeit?

Die Stadt Fürstenau arbeitet in folgenden Bereichen mit anderen Gemeinden und Zweckorganisationen zusammen: RegioViamala, Kreisamt, Kreisschulen, Kindergartenverband, Schulverband Heinzenberg-Domleschg, Zivilstandesamt, Steuerallianz Domleschg (an der auch die Gemeinde Cazis angeschlossen ist), Abwasserreinigungsverband, Kehrichtverband, Spitalregion, Alters- und Pflegeheim Domleschg, Spitex, Väter-Mütterberatung, Feuerwehr, Musikschule, Bustaxi, Waldkorporation, Kirchgemeinde und weiteren.

Wie sieht die Gemeindebehörde die weitere bauliche und wirtschaftliche Entwicklung ihrer Gemeinde?

Die Baulandreserven neigen sich langsam dem Ende zu. Eine grössere Einzonung von Bau- aber auch Industrieland ist leider nicht möglich, da die zur Verfügung stehenden Flächen mehrheitlich ausgeschöpft oder durch den Freihaltebereich der Hochspannungsleitungen, die durch Fürstenau führen, blockiert sind. Wirtschaftlich gesehen wird sich Fürstenau in den kommenden Jahren nicht mehr gross entwickeln können. Diesbezüglich haben wir als Randregion ein relativ kleines Potenzial.

Welche Aufgaben stehen im Vordergrund?

Als entwicklungshemmend erweisen sich eindeutig die zwei Hochspannungsleitungen der NOK und der EWZ. Es muss das Bestreben von Fürstenau sein, dass mittelfristig vor allem die NOK-Leitung und längerfristig auch die EWZ-Leitung aus dem Siedlungsgebiet von Fürstenau verlegt werden. Im Weiteren muss der Substanzerhaltung der Infrastruktur von Fürstenau und Fürstenaubruck mehr Beachtung geschenkt werden. Ob es zu einer Gemeindefusion mit einer oder mehreren Nachbargemeinden kommt oder ob der visionäre Gedanke einer Gemeinde Domleschg in den nächsten Jahren verwirklicht werden kann, wird sich zeigen. Dies ist sicherlich ein gesellschaftlicher Prozess, der noch reifen muss.